Süddeutsche Zeitung

Die halbwilden Kerle

Der FC Ebersberg II verliert in der untersten Spielklasse fast alles - nur nicht seinen Humor

Helden sind sie, wahre Helden - es merkt nur gerade niemand. Kein Konfetti flittert vom Nachthimmel auf das Grün des Waldsportstadions, keine Vereinshymne erklingt, der große Jubel von den Rängen bleibt aus. Die Spieler des FC Ebersberg II gehen einfach nur müde lächelnd vom Platz, wischen sich erleichtert den Schweiß von der Stirn. Sie scheinen noch nicht realisiert zu haben, was ihr Sieg gegen den TSV Egmating II bedeutet: Sie sind ab sofort nicht mehr die wohl schlechteste Fußballmannschaft Bayerns.

Trainer Günter Binder winkt ab. Solche Statistiken seien sowieso falsch. Ja, der FC Ebersberg II spielt in der niedrigsten Spielklasse, die man kennt, in der C-Klasse, Kreis München. Und ja, bis zu diesem Spiel standen null Punkte und 16 Saisonniederlagen auf dem Konto der Mannschaft - ein Zustand, den der FCE mit niemandem in dieser Spielklasse teilte. "Aber wir waren nie die schlechteste Mannschaft Bayerns - wir haben doch schon ein Spiel gewonnen!" Darauf beharrt Binder.

Dass dieser Sieg nicht in der Statistik auftaucht, hat einen ebenso simplen wie ärgerlichen Grund: Gegen den TSV Steinhöring II trat in der Hinrunde ein neuer Spieler an, der zwar spielberechtigt war, aber seinen Spielerpass noch nicht erhalten hatte. In einem solchen Fall druckt der Verein einfach ein Formular aus, auf dem die Spielberechtigung des Fußballers nachgewiesen wird. Im Fall des FC Ebersberg II druckte der Verein ein Formular aus, auf dem das Wappen des Bayerischen Fußballverbandes fehlte. Dem Schiedsrichter der Partie fiel das auf, er vermerkte es im Spielbericht, "dann haben sie uns die Punkte wieder weggenommen".

"Absteigen können wir ja zum Glück eh nicht mehr", bemerkt Oliver Stöckel lachend. Er ist Spieler, Vorstandsvorsitzender und Gründungsmitglied des FCE. Humor brauchen die Ebersberger auch dringend: Seit dem Sieg gegen die zweite Mannschaft der Egmatinger gingen erneut drei Spiele verloren. Märtyrertum ist beim FC Ebersberg aber kein Teil der Vereinsphilosophie, das Team spielte unbeirrt weiter.

Die zweite Mannschaft des FC Ebersberg ist ohnehin einiges mehr als der traditionelle Unterbau für die erste. Hier spielen diejenigen, die wegen ihrer Arbeit nicht zum Training kommen können. Dazu kommen die Spieler, die es beim zweiten, älteren Ebersberger Verein, dem TSV, nicht in die erste Mannschaft geschafft haben. Per Mundpropaganda läuft die Akquise, jeder Spieler wird angesprochen und gefragt, ob er es nicht stattdessen beim FC versuchen möchte.

Außerdem immer dabei: die Problemkinder, die es bei anderen Teams schwer haben. "Diejenigen, die denken, sie seien so gut, dass sie kein Training brauchen", bemerkt Binder mit todernster Miene und einem Augenzwinkern. Schönspieler, halbwilde Kerle, Schwalbenkönige, ewige Talente und noch viele Persönlichkeiten mehr sind dabei - das "Auffangbecken" nennen Stöckel und Binder deshalb ihren FC.

Auf diesem Prinzip wurde der Klub gegründet: Vor 20 Jahren spielte Oliver Stöckel noch für den Ortsrivalen TSV, damals in der A-Jugend. Da der Sprung in die erste Mannschaft schwierig war, gründeten er und seine Freunde schlicht einen eigenen Verein. "Das haben wir irgendwann in der Garage beschlossen." Nun teilen sich der TSV Ebersberg und der FC friedlich die malerische Spielstätte gleich hinter dem Gewerbegebiet Ebersberg, gesäumt von Bäumen und umzwitschert von deren Bewohnern.

Die Pokale, die man vom Spielfeld aus in einem Bürofenster glänzen sieht, gehören freilich nicht dem FC, sondern dem Traditionsverein der Kreisstadt. "Wir haben auch ein paar Pokale, aber die stehen bei mir auf"m Speicher. Sind auch nicht viele", erklärt Günter Binder lapidar. Beim FC sei es weniger das Ziel, sportliche Erfolge zu erreichen, es gehe mehr "um das gesellige Beisammensein", sagt Stöckel. "Hier hängen alle mit Herzblut am Verein, jeder Spieler übernimmt eine Funktion, egal ob Kassenwart, Vorstand oder etwas Anderes. Wir sind einfach eine eingeschworene Gemeinschaft."

Und die hat sich schon irgendwie an das Verlieren gewöhnt. Spaß mache das keinem, aber "man freut sich darauf, irgendwann einen Sieg zu feiern". Da nimmt man eben auch Durststrecken hin. "Meistens sind wir ja bis zur Halbzeit gleichwertig gut - danach hapert es an der Kondition", kritisiert Binder. Seine Badelatschen machen leise, klatschende Geräusche, als er nach der Partie zu den Spielern herübergeht.

Offizieller Trainer der zweiten Mannschaft ist Binder nicht, den hat nur das erste Team: Roger Bouc, Lehrer für Wirtschaft und Sport in Ebersberg. Und der will den FCE II nicht übernehmen, weil die Vorbereitung auf die Spiele meist nur aus dem Telefondienst besteht. "Jedes Wochenende den Spielern hinterhertelefonieren und hoffen, dass sie Zeit haben - das muss nicht sein", sagt er. Ein gemeinsames Training gibt es aber.

Und manchmal, wie an diesem Abend, hat die zweite Mannschaft Glück: Bei Nachholspielen unter der Wochen können Spieler aus der ersten Mannschaft der bunt zusammengewürfelten Truppe aushelfen. Dann passieren mitunter solch heldenhafte Siege. Bisher überwiegen allerdings immer noch die Niederlagen. Den Kopf lassen die Ebersberger trotzdem nicht hängen: Sechs Spiele verbleiben noch bis Saisonende. "Da können wir theoretisch noch 18 Punkte holen", scherzt Binder und wartet auf die Lacher. Sie kommen - und zwar von Herzen.
Anja Perkuhn Link

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